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Anthony Phelps

Der Zwang des Unvollendeten

Inhalt

Simon Nodier, Bildhauer und Schriftsteller, kehrt nach 25 Jahren im Ausland zu einem Verwandtenbesuch nach Haiti zurück. Er muss feststellen, dass das Land, das er in Erinnerung hat, nicht mehr existiert und möglicherweise nie existiert hat. In den Begegnungen Nodiers mit Freunden und Familienmitgliedern erlebt der Leser seine privilegierte Kindheit in einer wohlhabenden Familie, die Jahre der Diktatur und der politischen Verfolgung sowie das »Exil der Rückkehr«, die Erfahrung der Fremdheit im eigenen Land, mit. In der Fortsetzung einer unvollendeten Jugendliebe gehen Erinnerung und Einbildung ineinander über, die Erlebnisse Nodiers verschmelzen mit dem Roman, den er zu schreiben begonnen hat. Ein »sensibler und hellsichtiger Roman« (Christian Desmeules, Le Devoir, Montreal) über eines der wichtigsten Themen der haitianischen Literatur, das Exil, und ein Denkmal für das leidgeprüfte Haiti in seiner geheimnisvollen Vielfalt.

Autorenportrait

Anthony Phelps, Lyriker, Prosaautor, Journalist, Vortragskünstler und Bildhauer, geboren 1928 in Port-au-Prince, kann als lebender Klassiker Haitis gelten. Nach einem Chemiestudium in den USA gehörte er 1960 zu den Gründern der Gruppe Haïti Littéraire und der Zeitschrift Semences, die der haitinaischen Literatur bedeutende Impulse verleihen sollten. Als Gegner Duvaliers musste er 1964 nach einem Gefängnisaufenthalt ins Exil nach Montreal gehen, wo er noch heute lebt. Bis zu seiner Pensionierung war er dort als Nachrichtenredakteur bei Radio Canada tätig. Er gilt auch als einer der wichtigsten Gegenwartsautoren Québecs. Sein literarisches Werk umfasst etwa dreißig Bücher, darunter das Kultbuch Mon Pays que voici (1968), eine lyrische Hymne an sein Heimatland, und die Romane Moins l’infini (Paris, Les Éditeurs Français Réunis, 1973, überarbeitet unter dem Titel Des fleurs pour les héros, Paris, Le temps des cerises, 2013, deutsch Denn wiederkehren wird Unendlichkeit, Berlin, Aufbau-Verlag, 1976) und Mémoire en Colin Maillard (Montreal, Editions Nouvelle Optique, 1976). Der Zwang des Unvollendeten erschien 2006 im Verlag Leméac, Montreal unter dem Titel La contrainte de l’inachevé. Anthony Phelps erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter zweimal den Preis der Casa de las Americas. Im Frühjahr 2014 hielt er sich im Rahmen des Projekts Kreyol, die Kultur des Widerstandes in der Karibik in der Künstlervilla Waldberta bei München auf.

Pressestimmen

Cornelius Wüllenkemper, Süddeutsche Zeitung

„Der Zwang des Unvollendeten“ handelt von der Unfähigkeit, die Vergangenheit loszulassen. Phelps’ literarischer Wiedergänger Simon, der Bildhauer und „Schriftsteller im Ruhestand“ will nach seiner Rückkehr in die Heimat endlich den Roman schreiben, in dem er mit seiner Vergangenheit aufräumt. An der Seite exemplarischer Figuren durchstreift Simon seine frühere Heimat auf der Suche nach den Überresten seiner Erinnerungen. Was er findet, ist eine nach dreißig Jahren Diktatur und Gewalt zerrüttete, äußerst widersprüchliche Gesellschaft. (…)

Das Figurenarsenal von ausländischen Journalisten, hoffnungsvollen Exil-Rückkehrern, desillusionierten haitianischen Bildungsbürgern und obskuren Voodoo-Beschwörern inszeniert Phelps wie eine Spiegelung seiner eigenen Geschichte zwischen Diktatur, Opposition, Flucht und Rückkehr. Sein Held Simon fühlt sich dabei in dem „Psychodrama, das im ganzen Land gespielt wurde“ (…) wie ein Fremder in der eigenen Heimat.

Das zwiespältige Verhältnis zu seiner Heimat bildet Phelps durch ein kunstvolles Spiel mit Perspektiven, Handlungsebenen, Erinnerungsversatzstücken und scheinbar objektiver Gegenwartsbeschreibung ab. (…) Phelps lässt in seinem vielschichtigen Roman vieles in der Schwebe, vor allem die Verlässlichkeit seines Erzählers. Leser, die mit der jüngeren Geschichte Haitis vertraut sind, finden dabei immer wieder Anspielungen auf reale Personen, sowohl auf unbeugsame Literaten aus dem Kreis von „Haiti littéraire“, die in den Folterkellern der Tontons Macoutes verschwanden, als auch auf machthungrige Politiker und opportunistische Journalisten.

(…) „Der Zwang des Unvollendeten“ ist ein funkelndes Kaleidoskop der verschiedenen Einflüsse der haitianischen Literatur: eine Metaphorik, die sich auf die Lyrik von Baudelaire und Apollinaire beruft, das Perspektivenspiel des französischen nouveau roman der Sechzigerjahre und daneben die ursprünglich mündlich verbreiteten, ebenso märchenhaften wie düsteren Kolportagen, den sogenannten lodyans, die als Grundstein der haitianischen Literatur gelten. Am Ende bleibt das Roman-Projekt von Phelps’ literarischem Wiedergänger Simon über seine Vergangenheit unvollendet. Es gehört zu den faszinierenden Widersprüchen dieses Romans, dass Anthony Phelps über die Geschichte eines literarischen Scheiterns seine Heimat als Autor wiederfindet.

Auszug aus „Zwischen den Inseln“, Süddeutschen Zeigung vom 7.5.2015

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