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Gary Victor

Dreizehn Voodoo-Erzählungen

In Haiti ist derjenige ein Fantast, der behauptet, es gäbe keine Werwölfe. Gary Victor

Inhalt

Inspektor Azémar jagt einen Mörder, der seine Opfer zu Brei stampft. Madame Honoré ahnt nicht, was für ein Gericht ihr Schwiegersohn ihr gerade serviert … Kerou wiederum wird von dem Magier, dem er seine gesamte Karriere verdankt, eine schier unlösbare Aufgabe gestellt, aber für einen Sitz im Senat ist er zu allem bereit …
Wie in Der Blutchor entfaltet Gary Victor sein Talent, die Abgründe
des Lebens und des Menschen auszuleuchten. Schwarzer
Humor vom Feinsten.

Autorenportrait

Gary Victor, geboren 1958 in Port-au-Prince, ist der meistgelesene Gegenwartsautor Haitis. Mehrere seiner Figuren wurden zu feststehenden Typen. Dieuswalwe Azémar, der Inspektor aus Schweinezeiten (2013), Soro (2015) und Suff und Sühne (2017), ist auch im deutschsprachigen Raum auf dem besten Weg dazu: Alle drei Bücher konnten sich auf der Krimibestenliste (ZEIT bzw. FAS/DLF Kultur) und auf der Litprom-Bestenliste Weltempfänger platzieren.

Leseprobe

Der bòkò* hatte sich eindeutig ausgedrückt. Eine Bettlerin in der Nähe eines Friedhofs bei Neumond! Senatsanwärter Kerou war niedergeschlagen heimgekehrt. Nicht etwa, dass er Zweifel an den Fähigkeiten von Ti Pat gehabt hätte. Ganz im Gegenteil! Wenn er in der Politik überleben, alle Karrierestufen vom einfachen Beisitzer im Rathaus eines Dorfs im hintersten Winkel Haitis bis zum Abgeordneten hatte erklimmen können, um sich jetzt um einen Posten als Senator zu bewerben, dann hatte er ihm das zu verdanken. Ti Pat hatte niemals gefeilscht, weder für seine Hilfe noch für seine Ratschläge. Kerou dachte noch an jenen Morgen, an dem er in seinem Büro in der Abgeordnetenkammer mit der Hand in ein Pulver geraten war, das man dort für ihn zurückgelassen hatte. Ein Gift, das ihn in weniger als achtundvierzig Stunden zur Strecke gebracht hätte. Alle hätten ein schlimmes Fieber vermutet. Ti Pat hatte ihn mit knapper Not gerettet.

Jetzt aber nahmen die Dinge eine ernste Wendung. Ti Pat hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass dies das einzige Mittel war, die Energien auf sich zu ziehen, die ihn mühelos in einen Senatorensessel katapultieren würden. Kerou erschauerte vor Vergnügen beim Gedanken, die Wahlen zu gewinnen. Die Frauen würden ihm zu Füßen liegen. Er würde die auswählen, die er wollte. Die Leute würden ihn für alles und jedes um Hilfe bitten. Er würde seine Stimme für gut gefüllte Umschläge oder fünf- bis sechsstellige Schecks, vorzugsweise in amerikanischen Dollar, vermarkten. Er und seine Familie wären vor der Not geschützt in diesem verfluchten Land, das ihn einen Scheißdreck scherte, auch wenn er in seinen öffentlichen Reden pflichtschuldig im Namen des Volkes sprach.

Eine Bettlerin in der Nähe eines Friedhofs bei Neumond! Der Senatsanwärter fragte sich, ob er dazu in der Lage wäre. »Kein Ansteckungsrisiko«, hatte ihn der Zauberer beruhigt. »Aber man muss diese Bettlerin eine ganze Nacht lang restlos befriedigen. Bei Neumond, dann bekommst du die Chance, die du brauchst.« Kerou liebte Frauen leidenschaftlich. Schöne mit üppigen Formen. Er liebte parfümierte Frauen. Körpergerüche waren ihm zuwider. Auf seine Art war er ein Ästhet. Deshalb war er sehr beunruhigt. Würde er dieses Ritual bis zum Ende durchstehen, das andere als er ohne Bedenken vollzogen hatten? »Der Teufel lässt sich nicht täuschen«, hatte ihm der Zauberer gesagt, der seine Vorbehalte ahnte. »Du musst mit dieser Bettlerin schlafen. Wenn dir das nicht gelingt, wirkt der pwen-chance nicht. Vergiss den Senat.«

»Den Senat vergessen! Kommt nicht in Frage!«, empörte Kerou sich innerlich. Er gab seinem treuen Chauffeur den Auftrag, eine Suite in einem schicken, diskreten Hotel zu reservieren. So kurz vor dem Ziel würde er nicht aufgeben. Er wartete fieberhaft auf das Läuten zur Mitternacht. Mitternacht, Stunde derer, die sich dem Teufel verkauft haben! Stunde aller Ausschweifungen.

Er entnahm dem Safe, der unter seinem Bett versteckt war, ausreichend Geld und ging zum Chauffeur Carl, der im Jeep bei laufendem Motor auf ihn wartete, denn der Senatsanwärter verlangte, dass der Innenraum des Fahrzeugs immer gut klimatisiert war. Carl, zugleich sein Chauffeur, sein Leibwächter und Vertrauter, wusste über alle seine Unternehmungen Bescheid.

»Zum Friedhof«, rief er dem Chauffeur zu.

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