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Gary Victor

Im Namen des Katers

Inhalt

Inspektor Dieuswalwe Azémar ermittelt in einer Mordserie, die ihm persönlich nahegeht: Alle Opfer waren wie er dem lokalen Zuckerrohrschnaps, dem kleren, zugetan und als Konsumenten von Katzenfleisch bekannt, das nach Meinung vieler kleren-Liebhaber besonders gut zu diesem Getränk passt. Als er die Ermittlungen auf Befehl seines Vorgesetzten unterbricht, um einen gewissen Georges zu suchen, den eine Dame aus höchsten Kreise als vermisst gemeldet hat, ahnt er nicht, in welches Wespennest er sticht. Je weitere Kreise der scheinbar skurrile Fall zieht, desto gefährlicher wird es für den Inspektor, den auch die Geister der eigenen Vergangenheit bedrängen. Im Kampf gegen Bandenkriminalität und okkulte Machenschaften kann Azémar sich auch auf seine engsten Mitarbeiter nicht mehr verlassen, doch es bleiben ihm seine Tochter Mireya, seine Beretta und die zwei W in seinem Vornahmen.

Autorenportrait

Gary Victor, geboren 1958 in Port-au-Prince, studierter Agronom, gehört zu den populärsten haitianischen Gegenwartsautoren. Außer Romanen, Erzählungen und Theaterstücken schreibt er auch Beiträge für Rundfunk und Fernsehen, die in Haiti regelmäßig für Aufregung sorgen. Einige seiner Gestalten sind zu feststehenden Typen geworden. Im deutschsprachigen Raum wurde er durch die Krimis Schweinezeiten, Soro und Suff und Sühne bekannt, die sich sowohl auf der Krimibestenliste der ZEIT als auch auf der Bestenliste Weltempfänger von Litprom platzieren konnten.  Seine drastischen Schilderungen gesellschaftlicher Missstände stellen ihn in die Tradition der Sozialromane des 19. Jahrhunderts und machen ihn zum subversivsten Gegenwartsschriftsteller Haitis. Er wurde mit mehreren Preisen, darunter dem Prix RFO ausgezeichnet.

Leseprobe

Die Machete in seinen Händen war so schwer, dass er sie eigentlich gar nicht hätte halten können. Eine Machete, wie er sie noch nie gesehen hatte. Sie ähnelte einem Säbel. Er konnte nur zur Kenntnis nehmen, wie geschickt er die Waffe handhabte,  denn er war nicht mehr Herr über seinen Körper und seinen Willen. Er wusste, was geschehen würde, aber von seinen Lippen konnte nicht einmal ein Schluchzen abheben. Er war zu einer menschenförmigen, nur noch aus Ohnmacht und Schmerz bestehenden Gestalt geworden. Die Klinge schlug den Kopf mit einem Hieb ab, und warme, vom Schwung des Stahls fortgeschleuderte Tropfen vom Blut seines Opfers besudelten sein Gesicht. Er ließ die Machete fallen; sein Geist, den etwas Schreckliches in seinem Griff gehalten hatte, war wieder frei. Im Erwachen sprang er aus dem Bett, als wäre eine Bande von Dämonen hinter ihm her. Seine Füße verhedderten sich in den Laken, und er fiel der Länge nach auf den feuchten Boden.  Mühsam erhob er sich, ihm war schwindelig. Zum Aufstehen musste er sich am Bett festhalten. Eine Frau schlief darin tief und fest. Der Lärm hatte sie nicht geweckt. Wer war sie?, fragte sich Dieuswalwe Azémar. Er erinnerte sich an nichts. Wahrscheinlich eine Nutte, die er nach zu reichlichem soro*-Genuss auf der Place du Champ-de-Mars aufgelesen hatte. Schwankend, mit fiebrigem Körper erreichte er das Badezimmer, drehte den Hahn am Waschbecken auf, ließ sich Wasser in die hohlen Hände laufen und besprengte sich damit. Es kam ihm immer noch so vor, als hätte er Blutstropfen auf dem Gesicht, einem angstverzerrten Gesicht, das er in dem seit dem Erdbeben gesprungenen Spiegel – er hatte nie daran gedacht, ihn zu ersetzen – kaum erkannte. Er war noch magerer geworden. Dieser Albtraum war realer gewesen als die früheren. Es hatte einige Tage begonnen, nachdem Landeng, der Magier, ihm diesen garde* am Arm unter die Haut genäht hatte. Der Geist namens Loko sollte ihm die Kraft verleihen, es mit denen aufzunehmen, die ihn beschuldigten, einen brasilianischen General ermordet zu haben. Er wurde den Eindruck nicht los, dass die Nacht für Nacht präziser werdende Albtraumwirklichkeit aus dem Bereich des Traums in seinen Alltag hineindrängen und sich darin festsetzen würde. Jedes Mal versuchte er sich dann zu beruhigen, sich zu sagen, dass all das auf den Stress zurückzuführen war, auf die erzwungene Trennung  von seiner Tochter Mireya und darauf, dass er in seinen Ermittlungen über mehrere Morde nicht weiterkam. Die Opfer waren allesamt als Alkoholiker, sogenannte kakakleren, und vor allem als große Konsumenten von Katzenfleisch bekannt gewesen. Der Albtraum von dieser Nacht hatte einem ausgefeilteren Szenario gehorcht. Er allein in einer Savanne, in der als einziger Baum eine Königspalme* stand. Sein Körper wie eingeschlossen in einen Sarkophag aus Eis. Er konnte nicht die  geringste Bewegung machen, bis jemand, er konnte nicht sehen wer, ihm die Machete in die Hand drückte. Die Waffe war so schwer, dass er sie eigentlich nicht so leicht hätte handhaben können. Aus einem unerfindlichen Grund wusste er bereits, was von ihm erwartet wurde, und kämpfte mental mit allen Kräften darum, eine gewisse Kontrolle über seinen Willen zu behalten,  uch wenn sein Körper dem Geist gehorchte, von dem er besessen war. Er musste töten. Der scharfe Befehl hallte in seinen Ohren. Die Frau, die mit auf den Rücken gefesselten Händen vor ihm kniete, flehte ihn weinend um Erbarmen an. »Töte!« Jedes Mal kämpfte er mit all der Kraft, die er aufbringen konnte, setzte ein, was ihm an Energie blieb. Ein Feuer pulsierte an seinem Arm, da, wo Landeng ihm den garde eingenäht hatte. In allen vorherigen Albträumen hatte er seinem Peiniger standhalten können, obwohl er wusste, dass seine Kräfte abnahmen und er irgendwann zwangsläufig nicht mehr in der Lage sein würde, die Frau zu verschonen. Er war immer schweißgebadet und mit einer Migräne aufgewacht, die durchaus kein Anreiz gewesen war, an seinen soro-Vorrat zu gehen.

Nun war eingetroffen, was er befürchtet hatte. Er konnte auf seinem Gesicht nichts erkennen, spürte die Blutstropfen aber noch immer. Die Vision von der Enthauptung der Frau sprang ihn an. Er stürzte zur Toilette und erbrach das wenige, was er im Magen hatte. Mehrere Minuten verharrte er in einem Zustand der Betäubung. Das Brennen in seinem Arm holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Genau an der Stelle, an der der bòkò* gearbeitet hatte, pulsierte etwas. Dieuswalwe Azémar stürzte in die Küche und nahm ein Messer, entschlossen, sich ins Fleisch zu schneiden, um zu entfernen, was Landeng dort eingesetzt hatte. Erneut fand er sich im Kampf gegen einen Willen, der sich bemerkbar machte, sobald die Klinge sich seiner Haut näherte. Die Kraft, die sich seiner Bewegung entgegenstellte, war so stark, dass er das Messer in ohnmächtigem Zorn an die Wand warf. Er konnte dem Verlangen, eine Flasche soro vom Kühlschrank herunterzuholen, nicht mehr wiederstehen. Er genoss sein Lieblingsgetränk immer warm. Der Alkohol stärkte ihn ein wenig. Auf der Wanduhr war es Viertel nach eins. Die Frau schlief immer noch, gleichgültig gegen seine Qualen. Wo zum Teufel hatte er sie nur aufgegabelt? Sie war absolut nicht sein Typ. Eher dick, die Haare blau gefärbt. Sie schlief mit offenem Mund und gab dabei eine Art Zischen von sich. Eine Schlange in meinem Bett, dachte Dieuswalwe schaudernd.
Die besagte Stelle an seinem Arm begann erneut zu brennen. Ein unerträglicher Schmerz. Er brauchte eine Antwort. Es war eine verrückte Idee gewesen, dem Hexer zu vertrauen. Er zog eine Jeans, ein kurzärmliges Baumwollhemd und Mokassins an, dann hob er die Matratze leicht an und griff nach seiner Beretta. Sie war geladen. Für das, was er zu tun hatte, würde ein Magazin genügen. Er nahm ein Paar Handschuhe. Die Frau schlief weiter. Sie war wohl betrunken. Was hatte er mit ihr gemacht? In seinem Gedächtnis herrschte Leere. Verdammter soro, schimpfte er und bereute sofort, sein Lieblingsgetränk beleidigt zu haben. Er musste in spätestens einer Stunde zurück sein. Sollte die Frau vorher aufwachen, würde sie allerdings nicht verschwinden und dabei mitgehen lassen, was ihr gefiel. Sie wusste, mit wem sie es zu tun hatte: einem Polizeiinspektor, der sie überall finden würde.
Er öffnete lautlos die Tür, schloss sie ebenso vorsichtig und stieg die kleine Treppe zur Garage hinunter. Der alte Nissan sprang sofort an. Sein Mechaniker vollbrachte wahre Wunder. Er fuhr die Place Jérémie entlang und bog dann in die Avenue Magloire Ambroise ein. Es hatte geregnet. Der Asphalt war von Unrat bedeckt. Die Bewohner der Slums an den Berghängen nutzten den kleinsten Regenschauer aus, um den Müll in die Sturzbäche zu werfen, die von den Höhen herunterschossen. Niemand auf der Straße. Nur Hundemeuten auf der Suche nach Fressbarem. Am Ende der Avenue nahm er die Route des Dalles. Nur ein  Ganzlokal war geöffnet. Aus einem Lautsprecher, der inmitten der leeren Tische auf dem Bürgersteig stand und trotz der späten Stunde voll aufgedreht war, dröhnte Malere, ein Hit von Alan Cave: »Malere, gade jan nou malere. N ap mache bwete poutan janm nou pa kase. Nou tout nou malere nou pran pòz nou pa wè.«* Dieuswalwe Azémar überquerte die Avenue Monseigneur Guilloux, dann war er am Ziel. Er parkte vor dem Eingang des Korridors, der zu Landengs Tempel und Wohnhaus führte. Bevor er ausstieg, blieb er einige Minuten im Auto sitzen, nur um Fühlung mit der Umgebung aufzunehmen. Anscheinend war niemand auf der Straße. Gegenüber die Auslagen einer  Garköchin. Zwei Kessel und sonstige Utensilien waren sorgfältig auf zwei Tische geräumt, die den gesamten Bürgersteig einnahmen. Unter dem Torbogen eines Geschäfts schlief in Lumpen gehüllt ein Mann. Ein Leichenwagen mit einem Polizeiblaulicht auf dem Dach fuhr mit ausgeschalteten Scheinwerfern vorbei. Der Inspektor blickte dem Fahrzeug auf dem Boulevard nach, bis es an einer Kreuzung verschwand.

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