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Lyonel Trouillot

Jahrestag

Inhalt

Port-au-Prince, Januar 2004, im Jahr der zweihundertjährigen Unabhängigkeit Haitis. Der Student Lucien Saint-Hilaire begibt sich zu einer Demonstration. Im Dialog mit den Personen, denen er begegnet, und denen, mit denen er im Geist Zwiesprache hält, entsteht eine Typologie der haitianischen Gesellschaft. Da ist sein jüngerer Bruder, der zum Gangster geworden ist, seine Mutter, die als Bäuerin in der Provinz lebt, die “Ausländerin”, die er liebt, ohne sie wirklich zu kennen, der Ladenbesitzer, der den alten Zeiten nachtrauert, der reiche Arzt, dessen Sohn er Nachhilfestunden geben muss. Vor dem Leser, der Lucien Saint-Hilaire bis zur letzten Polizeiattacke begleitet, entsteht das Bild eines zutiefst zerrissenen, in Armut, Korruption und Gewalt versunkenen Landes.

Ein Buch, in dem »mehr Stimmen als Anliegen« (Lyonel Trouillot) zu hören sind und das durch die einfühlsamen Porträts und die poetische Sprache über die bloße engagierte Literatur hinausreicht.

 

Weitere Werke von Lyonel Trouillot in anderen Verlagen

Autorenportrait

Lyonel Trouillot wurde 1965 in Port-au-Prince geboren, wo er noch heute lebt. Nach einem Jurastudium wandte er sich ganz seiner eigentlichen Leidenschaft, der Literatur, zu. Er schreibt Lyrik und Prosa in kreolischer und französischer Sprache. Seine Romane, etwa Thérèse en mille morceaux (Arles, Editions Actes-Sud 2000), Les enfants des héros (Actes-Sud 2002), L’amour avant que j’oublie (Actes-Sud 2007), Yanvalou pour Charlie (Actes-Sud 2009) sowie La Belle Amour humaine (Actes-Sud 2011) machten ihn international bekannt und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Als Mitglied und Sprecher des Collectif Non, einer Initiative von haitianischen Intellektuellen, gehörte er zu den wichtigsten Opponenten gegen das Regime von Jean-Bertrand Aristide.

Lyonel Trouillot lehrt französische und kreolische Literatur an der Universität Port-au-Prince.

Leseprobe

Einige Leser werden es vielleicht für nötig halten, eine Verbindung zwischen dieser Erzählung und den politischen Ereignissen herzustellen, von denen der zweihundertste Unabhängigkeitstag der Republik Haiti gekennzeichnet war. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen wären somit keineswegs zufällig, sondern ein beabsichtigter Effekt. Der Leser wäre berechtigt, Richtiges von Falschem zu scheiden sowie die Tatsachen anhand der Chroniken zu überprüfen, und die einzige interessante Schlussfolgerung bestünde darin, den Erzähler, je nachdem, wie er die Tatsachen wiedergibt, unter die Guten oder die Schlechten einzusortieren. Der Irrtum läge in der Annahme, die Erzählung beginne mit dem am wenigsten wahren Satz, dem Satz, der die Falle scharf macht: »Der Student ging den Hügel hinunter und trat vorsichtig auf, um seinen Bruder nicht zu wecken …« Dieser Student, der Lucien Saint-Hilaire heißen könnte, und sein Bruder, der hier nur mit seinen Spitznamen »der Kleine« und »Little Joe« bezeichnet wird, existieren nicht. Ebenso wenig wie ihre Mutter, das Meer und die anderen Figuren. Alles, die Dialoge, die Wegstrecke, die Stadt, der Kontext, kann nur erfunden sein. Alles verweist hier nur auf das Nichtmitteilbare und die Stille, die der Lärm und die Wut verbergen. Es geht also nicht darum, denen auf die Sprünge zu helfen, die verstehen wollen, warum die Polizei eine friedliche Menschenmenge angegriffen hat, warum eine bestimmte Stadt einen zum Verbrecher werden lässt, warum dies und jenes so oder so ist. Wie in allen Erzählungen werden hier mehr Stimmen als Anliegen zu hören sein. Oder der Monolog, in dem jede einzelne Stimme ihr Anliegen oder das Fehlen eines Anliegens, das, was ihr eigen ist, das heißt ihren Teil Suche und Unwissenheit, erforscht. Schließlich und endlich ist es möglich, dass die Dinge (aber welche?) sich so auf einer Karibikinsel abgespielt haben. Eine Menge, die marschiert, fällt und wieder aufsteht, gehört zur sichtbaren Welt, aber was zum Teufel geht in den Köpfen der Menschen vor? Zum Beispiel im Kopf eines Studenten, der Lucien Saint-Hilaire heißen soll, wenn er den Hügel hinuntergeht und vorsichtig auftritt, um seinen Bruder und seine Nachbarn nicht zu wecken, und anschließend eine bestimmte Anzahl von Personen trifft – in deren Köpfen ebenfalls vieles vorgeht. Ein Student, der marschiert, der existiert und nicht existiert und die Frage nach der Existenz stellt, ohne eine Antwort zu erhalten. Er weiß nicht, dass er am Ende des Weges sterben wird, der Leser hingegen weiß es schon zu Beginn der Erzählung, und dieses Wissen verschafft ihm eine unnötige Länge Vorsprung auf den Helden.

Der Student ging den Hügel hinunter und trat vorsichtig auf, um seinen Bruder nicht zu wecken, der im gemeinsamen Zimmer noch schlief, den Kopf unter dem Kissen, einen Daumen im glücklichen Mund und auf dem Gesicht allen Frieden der Welt, einen Frieden, so dauerhaft wie die Kindheit und ebenso zerbrechlich, einen aus dem Zusammenhang gerissenen Frieden auf diesem Engelsgesicht am falschen Ort, das keine richtige Einheit mit dem Rest bildete: Arme, Rumpf und Beine waren bis zu den Fußsohlen bedeckt mit zusammengewürfelten tätowierten Helden und Slogans: Guevara, Wycleef Jean, Tim Duncan, shoot to kill, Frauen sind Scheiße, die Ratten vermodern in ihrem Loch, ich will alles, peace and love. Das Erwachen war immer schmerzhaft und heftig, und dem Studenten war nicht nach einem Kampf mit diesem Buch- und Schauspielkörper zumute, der ständig alles und jedes zugleich bedeutete. Er durfte auch die Nachbarn nicht wecken, zwei kleine Mädchen, die zu jeder Tages- und Jahreszeit im Slip herumliefen, aufeinander einschlugen, sobald sie zum Vorschein kamen, und dann zum Trost über das Unentschieden ihre Wut gegen einen kleinen Jungen richteten, der nur ein Unterhemd in allen Farben seiner Erkältung trug; er heulte übungs- und vorsichtshalber schon los, bevor er die erste Backpfeife fing, heulte während der Abreibung weiter und drehte die Lautstärke so lange auf, bis seine Schreie den ausgemergelten Körper, die von der Armut gestraffte Haut und die ewig schlechte Laune seiner Mutter alarmierten, welche barfuß, im Nachthemd und mit folgenschweren Händen in den Hof gerannt kam, auf alles losprügelte und dabei ebenfalls schrie, so dass man nicht sagen konnte, wer der Peiniger und wer die Opfer waren. Die Mädchen schliefen noch. Sollte er jemals einen Roman schreiben, dachte sich der Student, während er lautlos den Hügel hinunterging, dann würde er einen schreiben, dessen Held die Stille wäre, ein Buch des Blicks, das sich den Lärm sparte. Welcher Passant würde ihm glauben, wenn er ihm sagte, dass sein Glück für diesen Tag gemacht war, dass er kein großes Glück erwartete: einen Gedanken für Ernestine, einen für die Ausländerin und einen dritten für das Meer, dass er den Hügel hinunterging und an nichts weiter dachte, an nichts Gutes und nichts Böses, nicht einmal an sein Leben, das er aufs Spiel setzen würde, und er sich nur darüber freute, dass an diesem Morgen anders als am Vortag die Sonne schien. Die zärtliche Dezembersonne, die einem nicht das Hirn verbrennt wie die harten Strahlen der schwierigen Monate September und Oktober mit ihren Leistungsanforderungen und ihrem Verwaltungsaufwand. Er liebte diese Dezembersonne, die so leicht am Himmel emporstieg, als hätte sie nichts zu tun mit der galoppierenden Teuerung, dem Beginn des Studienjahres, all den Belastungen des täglichen Lebens in den vergangenen Monaten und der schwersten von allen, der quälenden Rückkehr zum Baum des Ursprungs in der Septemberhitze, dem Wiedersehen mit der Kindheit, den Mädchen der ersten Liebschaften, die die Zeit in stämmige Bäuerinnen mit O-Beinen wie Pelé und mit Primarabschlussstimmen verwandelt hatte, misstrauischen, vorwurfsvollen Stimmen, mit Respekt für den, der es zu etwas gebracht hatte, und Hass gegen den Verräter, Stimmen, die um Verständnisheischten und ihn daran erinnerten, dass du uns hübsch gefunden hast, als wir sieben waren und du hinterlistig gelauert hast, bis die Erwachsenen weg waren, um uns da anzufassen, wo es verboten ist, aus Spaß und auch aus Lust. Wie schmerzlich waren diese zwangsläufigen Konfrontationen mit den Mädchen des Heimwehs nach der Kindheit, pathetisch und erhaben von vergeblichen, auf die Erinnerung gegründeten Erwartungen, den Mädchen mit ihrer Unbeschwertheit an den Spitzen der Brüste, ihren offenen Armen in den Augen, ihrer Armut als sich darbietende aber unschuldige Herrscherinnen, die mit ihm wie in einem Spiel sprachen – lass deine Hände sehen –, die den Abstand zur Kenntnis nahmen – wie sich deine Hände verändert haben –, einen resignierten Schluss zogen – du hast Philosophenhände – und den Rest dem Schweigen überließen. Ach, wie schön wäre dieses Wiedersehen, wenn ihre Augen nicht sagten, du stinkst nach der großen Stadt, warum bist du ohne uns weggegangen? Wenn er sich nicht fragte, was für ein Erwachsener er geworden wäre, wenn … Und der peinvollste Moment, wenn seine Mutter, auf ihrem niedrigen Stuhl sitzend, die Hände über dem Gehstock gefaltet, blind und ganz Licht, mit dem Ohr die kleinste Bewegung wahrnehmend, ihn nach dem Kleinen fragte. Und er wusste nicht, was er antworten sollte, denn er wusste, dass sie hinter ihren leeren Augen dennoch das Ausmaß des Desasters ahnte, dass ihr Schmerz und ihre Sorge ohne allzu große Mühe die Mauer der Blindheit durchbrachen, aber mit der Lüge Ränke schmiedeten, um sie zu schützen, sie, die auf Illusionen angewiesen war. Lucien, ich will wissen, was der Kleine macht! Und er fand keine richtige Antwort, spielte seine Botenrolle schlecht, verlor das Gesicht vor der Blinden, wusste sich nackt, suchte den Schatten und verbarg sein Gesicht hinter seinen »Philosophenhänden«, flüchtete sich in Schweigen und sagte die Dinge innerlich. Ach, Ernestine Saint-Hilaire, nicht nur deine Augen sehen nicht mehr! Umsonst klopfst du mit deinem Stock auf den Boden, und es hilft dir nichts zu schreien: Ich, die schwarze Ernestine Saint-Hilaire, will, dass du mir sagst, was der Kleine macht! Was geschehen ist, ist geschehen. Schweig, meine Mutter, lass die Stille gewähren. Es ist schon so lange her, dass der Kleine in der Unterwelt von Port-au-Prince rasch groß geworden ist. So lange schon will der Kleine weder von der Mutter noch vom Zentralplateau etwas hören. So lange schon haben der Kleine, sein Körper, seine Träume und seine nicht vorhandenen Träume dich bei der fernen Geschichte zurückgelassen, der du würdig verhaftet bist, festgenagelt wie eine Reliquie an die vertrockneten Äste deines Stammbaums. Ernestine Saint-Hilaire, ich habe dir nichts zu sagen! Und die Mutter – ich, die schwarze Ernestine Saint-Hilaire, die ihre Kinder nach Port-au-Prince in die Schule geschickt hat –, die Mutter, die nie ohne Pathos über irgendetwas gesprochen hatte, weder über die Sonne noch über den Mond, den Morgen, die Trockenheit, den Regen, den großen und den kleinen Balsambaum, Ernestine Saint-Hilaire, ich, die Schwarze, die mit dem Schweigen niemals Frieden schließen konnte, für die das Wort immer der einzige Exorzismus war, kramte in ihrem Korb voll Wahrheiten auf der Suche nach einer Sprache der Hoffnung,einer hinterlegten Wendung, die das Unglück mit Floskeln und Bildern vertrieb – ein Übel hat immer auch etwas Gutes, man muss die Kehrseite der Medaille sehen, wenn ihr erst einmal eine gute Stelle habt … –, begann dann plötzlich zu zweifeln, glitt wider Willen auf einem platten, erdbodengleichen Ausspruch ohne Größe aus, stotterte, stammelte und verlor die Schlacht gegen die Verzweiflung: In Port-au-Prince macht man sich zu viele Gedanken, der Kleine ist nicht dazu geboren, gegen Gedanken zu kämpfen, ich hätte ihn hier behalten sollen, aber was hätte ich anfangen sollen mit dem einen, der lesen kann, und dem anderen, der vor sich hin vegetiert! Und der Student verbarg sein Gesicht und kehrte der Blinden den Rücken zu: Ernestine Saint-Hilaire, es tut mir so weh, wenn du lamentierst! Und du sprichst weiter, vergeblich, gebeugt von der Niederlage und aufrecht wie der Hochmut und suchst dir eine Erklärung, eine Logik, ein mea culpa: Und all diese Gewalt, die aus den Transistorgeräten zu uns kommt! Die Nachbarn erzählen mir alles, ich höre kein Radio, da ist immer nur vom Tod die Rede. Der Kleine ist nicht dazu geboren, sich mit der Gewalt herumzuschlagen, erinnere dich, wie sanft er war … Und der Student hätte am lieben geschrien, dass vier Jahre nicht ausreichten, um hm den Status des Ältesten zu verleihen, dass er darunter litt, dass sie niemals gefragt hatte und du, Lucien, wie geht es dir?, sondern nur wie lange brauchst du noch? Und außerdem, Scheiße, ich liebe dich, Ernestine Saint-Hilaire, aber haut ihr euch hier in dieser heruntergekommenen Gegend, die der Kleine vergessen will, nicht weiterhin für eine Handvoll Bohnen und ein paar Maiskolben den Kopf ab? Und Ernestine, die wieder stark wurde, wenn sie von Dingen, die sie kannte, und von ihrer eigenen Gewalt sprach, die sich auf ihrer eigenen Erde, in ihrem ewigen und unveräußerlichen eigenen Land sicher fühlte: Jawohl, den Kopf und auch die Hände. Geh, Lucien, und erzähl das deinen Professoren, die glauben, sie wüssten alles. Hier hat man klare Vorstellungen. Hör auf das, was Ernestine Saint-Hilaire dir sagt. Ich als Schwarze weiß, wovon ich rede. Hier ist es klar wie das Wasser in den Krügen, dass der und der morgen sterben wird: Der Nachbar hat sein Kalb verloren, und in unseren Bräuchen heißt es, dass jeder Giftmischer selbst durch Gift sterben muss. Hier ist es klar wie das Licht am Morgen des Ostersonntags, dass der und der Säugling, der in der Trockenzeit noch vor sich hin plappert, den Regen nicht mehr erleben wird, denn der Streit zwischen den beiden Familien ist nicht ausgeräumt, und vielen Säuglingen ist der Tod bestimmt. Hier gibt es Regeln und klare Vorstellungen!

Pressestimmen

Süddeutsche Zeitung, Cornelius Wüllenkemper

Lyonel Trouillots pessimistischer Roman über seine Heimat Haiti […]

Lyonel Trouillot hat unter dem Eindruck des Umsturzes von 2004 in seinem Roman Jahrestag denjenigen eine Stimme gegeben, die längst nicht mehr miteinander sprechen: die reiche Oberschicht, verarmte Bildungsbürger, Mitglieder krimineller Banden, verelendete Massen, und die von der modernen Zivilisation weitgehend abgekoppelte Landbevölkerung. Dabei betreibt Trouillots Roman, der acht Jahre nach seinem Erscheinen nun ins Deutsche übersetzt wurde, keineswegs bloß eine literarische Aufarbeitung der blutigen Ausschreitungen zum Staatsjubiläum. Trouillot genügen drei Stunden, um den Kreislauf von Hass, Gewalt und Rache sowie die Spaltungen und zerstörerischen Mechanismen der haitianischen Gesellschaft aufzudecken. […] Indem er die Handlungselemente auf ein Minimum reduziert und die wenigen Begegnungen Luciens an jenem Morgen wie unter dem Mikroskop seziert, blickt Trouillot seinem Volk umso tiefer in die verwundete Seele. […] Wie Lyonel Trouillot in den einfachen Kauf einer Schachtel Zigaretten die Zerrissenheit der haitianischen Gesellschaft hineinlegt, ist atemberaubend. Bereits das Vorwort des Romans kündigt an, dass »mehr Stimmen als Anliegen« zu hören sein werden. Diese Stimmen, die Trouillot kunstvoll in Luciens Bewusstsein zusammenführt, verkünden ebenso unterschwellig wie unerbittlich, was in Haitis Gesellschaft nach über 200 Jahren Chaos und Gewalt zerbrochen ist. »Die Dinge haben keinen Grund. Man muss nur hinsehen«, legt Trouillot seinem Helden in den Mund, der bis kurz vor seinem Tod davon träumt, einen Roman zu schreiben, »dessen Held das Schweigen« ist, »ein Buch des Blicks, das sich den Lärm erspart«. Genau dieses Buch hat Lyonel Trouillot geschrieben und dem Schweigen eine Stimme gegeben.

Auszug aus: Süddeutsche Zeitung, Cornelius Wüllenkemper, 23. Oktober 2013

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