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Maryse Condé

Mein Lachen und Weinen. Wahre Geschichten aus meiner Kindheit

Die Rückkehr zu den zersprengten Kindheitserinnerungen (...) wirft (...) ein faszinierendes Licht auf ein entstehendes Bewusstsein. Isabelle Rüf, Le Temps, Lausanne

Inhalt

Nach der Geschichte ihrer Großmutter (Victoire) erscheinen nun auch die Kindheitserinnerungen von Maryse Condé auf Deutsch.

Maryse Boucolon wird 1937 in eine Familie der schwarzen Oberschicht von Pointe-à-Pitre, der größten Stadt Guadeloupes, hineingeboren. Früh macht sie Erfahrungen mit den Klassen- und Rassenkonflikten auf den Antillen der zu Ende gehenden Kolonialzeit, rebelliert gegen die Zwänge der Gesellschaft und gerät in Konflikt mit ihren Eltern, die ihr “entfremdet” vorkommen.

Siebzehn Erzählungen voll Humor und menschlicher Wärme, in denen hinter dem Persönlichen immer wieder die soziale Wirklichkeit und die großen Fragen der Zeit sichtbar werden.

Ausgezeichnet mit dem Prix Marguerite-Yourcenar.

 

Autorenportrait

Maryse Condé, eine der wichtigsten Autorinnen der Frankophonie, wurde am 11. Februar 1937 in Pointe-à-Pitre auf Guadeloupe geboren. Sie lebte sie in Afrika, unter anderem in Mali, wo sie zu ihrem Bestseller Segu angeregt wurde. Anschließend promovierte sie an der Sorbonne und lehrte an der Columbia University in New York. Seit 2013 lebt sie im südfranzösischen Gordes. 1993 wurde sie als erste Frau mit dem Puterbaugh-Preis ausgezeichnet. 2018, in dem Jahr, in dem der reguläre Nobelpreis für Literatur nicht vergeben wurde, erhielt sie für ihr Gesamtwerk den alternativen Nobelpreis.

Leseprobe

Familienporträt

 

Hätte jemand meine Eltern nach ihrer Meinung über den Zweiten Weltkrieg gefragt, so hätten sie ohne zu zögern geantwortet, es sei die düsterste Zeit gewesen, die sie jemals erlebt hatten. Nicht etwa wegen des zweigeteilten Frankreich, der Lager von Drancy und Auschwitz, der Ausrottung von sechs Millionen Juden, noch wegen all der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die immer noch nicht vollständig gesühnt sind, sondern weil ihnen das für sie Wichtigste sieben endlose Jahre verwehrt war: ihre Reisen nach Frankreich. Da mein Vater ehemaliger Beamter und meine Mutter noch im Dienst war, hatten sie regelmäßig Anspruch auf einen Urlaub »im Mutterland« mit ihren Kindern. Frankreich war für sie keineswegs der Sitz der Kolonialmacht. Es war wirklich das Mutterland, und Paris die Lichterstadt, die allein ihrem Leben Glanz verlieh. Meine Mutter befrachtete uns den Kopf mit Beschreibungen der Wunderdinge des Carreau du Temple* und des Marché Saint-Pierre mit der Sainte-Chapelle und Versailles als Zugabe. Mein Vater bevorzugte den Louvre und das Tanzlokal La Cigale, wo er sich als junger Mann vergnügt hatte. Daher bestiegen sie Mitte 1946 wieder mit Freuden das Passagierschiff, das sie nach Le Havre, erste Zwischenstation auf den Weg in die Wahlheimat, bringen sollte.
Ich war die kleine Nachzüglerin. In einer der mythischen Geschichten der Familie ging es um meine Geburt. Mein Vater war rüstige dreiundsechzig Jahre alt. Meine Mutter hatte gerade ihren dreiundvierzigsten Geburtstag gefeiert. Als sie ihr Blut nicht mehr sah, glaubte sie an die ersten Anzeichen der Menopause und eilte zu Doktor Mélas, ihrem Gynäkologen, der sie siebenmal entbunden hatte. Nachdem er sie untersucht hatte, brach er in lautes Gelächter aus.
»Das hat mich derart beschämt«, erzählte meine Mutter ihren Freundinnen, »dass ich mir in den ersten Monaten meiner Schwangerschaft wie eine ledige Mutter vorkam. Ich versuchte, meinen Bauch vor mir zu verbergen.«
Auch wenn sie stets hinzufügte – und mich dabei mit Küssen bedeckte –, dass ihr kras à boyo** die Stütze ihres Alters geworden sei, empfand ich doch jedes Mal den gleichen Kummer, wenn ich diese Geschichte hörte: Ich war kein Wunschkind gewesen.

Heute stelle ich mir wieder die ungewöhnliche Schau vor, die wir boten, wenn wir im trübsinnigen Nachkriegs-Paris auf den Terrassen des Quartier Latin saßen. Mein Vater, gut erhaltener ehemaliger Frauenheld, meine mit kreolischem Schmuck reich behängte Mutter, ihre acht Kinder: meine Schwestern mit gesenktem Blick, aufgeputzt wie Reliquienschreine, meine jugendlichen Brüder, einer von ihnen bereits im ersten Jahr des Medizinstudiums, und ich, die maßlos verwöhnte, geistig frühreife Göre. Voller Bewunderung flatterten die Kellner, ihre Tabletts auf der Hüfte balancierend, wie ein Schwarm Honigbienen um uns herum. Während sie die Minz-Diabolos servierten, ließen sie immer wieder hören:
»Wie gut Sie französisch sprechen!«
Meine Eltern empfingen das Kompliment, ohne eine Miene zu verziehen oder zu lächeln, und beschränkten sich auf ein Nicken. Sobald die Kellner den Rücken gekehrt hatten, riefen sie uns zu Zeugen auf:
»Wir sind aber doch genauso Franzosen wie sie«, seufzte mein Vater.
»Französischer«, trumpfte meine Mutter heftig auf.
Zur Erklärung fügte sie hinzu: »Wir sind gebildeter. Wir haben bessere Manieren. Wir lesen mehr. Manche von ihnen sind nie aus Paris hinausgekommen, während wir den Mont-Saint-Michel, die Côte d’Azur und die Baskenküste kennen.«
In diesem Austausch lag etwas Pathetisches, das mich, so klein ich war, bestürzte. Sie beklagten sich über eine schlimme Ungerechtigkeit. Grundlos gab es einen Rollentausch. Die Trinkgeldempfänger in schwarzer Weste und weißer Schürze erhoben sich über ihre großzügigen Kunden. Sie besaßen auf ganz natürliche Art jene französische Identität, die meinen Eltern trotz deren gutem Auftreten abgesprochen, verweigert wurde. Und ich begriff nicht, wieso diese stolzen, selbstzufriedenen, in ihrem Land angesehenen Leute mit den Kellnern wetteiferten, die sie bedienten.

Eines Tages beschloss ich, mir Klarheit darüber zu verschaffen. Wie jedes Mal, wenn ich in schwieriger Lage war, wendete ich mich an meinen Bruder Alexandre, der sich in Sandrino umbenannt hatte, »um amerikanischer zu wirken«. Sandrino, Erster in seiner Klasse, die Taschen voller Liebesbriefchen von seinen Mädchen, wirkte auf mich wie die Sonne am Himmel. Als guter Bruder behandelte er mich mit beschützender Zuneigung. Ich konnte aber nicht verwinden, nur seine kleine Schwester zu sein. Vergessen, sobald eine Wespentaille aufkreuzte oder ein Fußballspiel begann. Ob er wohl etwas vom Verhalten unserer Eltern begriff? Warum beneideten sie Leute so stark, die ihnen nach eigener Aussage das Wasser nicht reichen konnten?

 

*  Markthalle im dritten Arrondissement.

** »Eingeweideabfall«. Ausdruck für ein Kind, das als Letztes der
Familie lange nach den Geschwistern geboren wird.

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