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Yanick Lahens

Sanfte Debakel

Wenn auch der Tod über dem gesamten Roman schwebt, so ist er doch auch getränkt von Poesie, Musik und der kreolischen Sprache, die dem Schreiben von Yanick Lahens ihren Rhythmus verleiht. Ein nuanciertes Porträt Haitis Catherine Fruchon, Radio France Internationale.
Die Spannung ist extrem, sie rückt den Roman zeitweilig in die Nähe des Thrillers. Man folgt den Spuren der Korruption (...) fasziniert von der Schönheit einer Sprache, die niemals auf Poesie verzichtet. Pierre Maury, Le Soir, Brüssel

Inhalt

Port-au-Prince ist die Stadt der „sanften Debakel“, eingefädelt von denen, die davon profitieren. Wer sich ihnen entgegenstellt, riskiert sein Leben. Wie Raymond Berthier, ein Richter, der zu hartnäckig über gewisse Machenschaften ermittelt hat. Sechs Monate später suchen seine Tochter Brune und sein Schwager Pierre herauszufinden, wer hinter seinem Tod steckt. Um Brune und Pierre herum Ézéchiel, revolutionärer Straßenkämpfer und Poet, Cyprien, ein ehrgeiziger junger Anwalt, und Francis, ein französischer Journalist, der sich für eine Reportage in Haiti aufhält, und andere. Während sich die Zusammenhänge nach und nach herausschälen, enthüllt jede Person ihr Innerstes. Im „keuchend pulsierenden“ Takt von Port-au-Prince entsteht ein poetisches vielstimmiges Porträt der haitianischen Gesellschaft und der Stadt mit ihrer Gewalt und ihrer „stechenden Süße“.

Autorenportrait

Yanick Lahens, geboren 1953 in Port-au-Prince, gehört zu den wichtigsten Gegenwartsautorinnen Haitis. Angeregt durch ihre Großmutter interessierte sie sich früh für die traditionelle Kultur das Landes. Sie studierte Literaturwissenschaften an der Sorbonne. Zurück in Haiti lehrte sie an der Ecole normale supérieure und setzte sich für die kreolische Sprache im Bildungswesen ein. Sie ist Mitbegründerin der Zeitschrift Chemins critiques. Zu ihren bekanntesten Werken gehören Tanz der Ahnen (Zürich, Rotpunkt, 2011, Original Dans la maison du père, 2000), Morgenröte (Zürich, Rotpunkt, 2012, Original La couleur de l’aube, 2008) sowie Bain de lune (2014). Für letzteres Werk erhielt sie den Prix Fémina. 2018-2019 war sie Inhaberin des Lehrstuhls Mondes francophones am Collège de France.

Leseprobe

Meine liebe Frau,

ich möchte, dass Du diesen Brief am frühen Morgen liest. In jenen Minuten, in denen Du und ich manchmal auf unsere Weise die Weltenbrände fernzuhalten versuchten. Sei stark, so wie ich mich bemühe stark zu sein, während ich dies hier schreibe. Der Druck auf mich wird stärker, und die kaum verhüllten Drohungen lassen keinen Zweifel mehr daran, welches Schicksal gewisse Leute glauben mir bereiten zu müssen. Aber ich sammele immer mehr Beweise. Hartnäckig. Sie sind, Du ahnst es, erdrückend. Ich stelle mich schon im Voraus auf die Verfahrensstrategien ein; Du kennst ja die schamlose Unverfrorenheit unserer Juristen. Das Feilen am Dossier raubt mir schier den Schlaf, und ich gehe bis zum Ende. Bestimmte Dinge beim Namen zu nennen – und nicht etwa die Tatsache, dass sie vorkommen –, ist mittlerweile ein Verbrechen. Ich sehe Dein Gesicht vor mir, das mich anfleht, vorsichtig zu sein, und vergesse zugleich Deine Worte nicht: »Gott, was für ein Glück ich habe, neben einem Gentleman einzuschlafen und aufzuwachen!« Aber unsere Zeit beherrschen andere Gesetze. Gesetze, die uns ungnädig verbannen, und ihre Ungnade ist ebenso brutal, wie sie uns zur Ehre gereicht. Vergieße Tränen, aber beuge nie das Knie. Niemals.

Die Schlinge zieht sich zu. Vor einigen Tagen hat mich ein Freund besucht, den ich vor Jahren aus den Augen verloren hatte. Er war offensichtlich beauftragt. Er erinnerte mich daran, dass ich eine Frau und eine Tochter habe. Dass dem Leben mancher Zauber innewohne. Dass mein Auto für die löchrigen Straßen der Hauptstadt nicht mehr sehr komfortabel sei. Dass ein Richter meines Formats in einem weit angenehmeren Stadtteil als unserem wohnen könnte. Ich lächelte, ohne zu antworten. Er ging mit einer Grimasse, die Erstaunen und Bedauern zugleich ausdrückte. Gestern folgten mir auf einem Motorrad zwei Männer bis zu der Kurve, die zu unserem Haus führt, und beim Überholen hob der, der hinten saß, sein T- Shirt hoch, damit ich seine 9-mm-Pistole sehen konnte. Und dann ist da diese Stimme am Telefon, die kichert und mich beschimpft, wenn ich abnehme. Man begnügt sich damit, in irrem Flüsterton meinen Namen zu nennen. Gewisse Kollegen betrachten mich mit ängstlichem, fliehendem, leerem Blick und meiden meine Gesellschaft. Andere erwarten, dass ich mich wie sie wieder einreihe. Diese bedenken mich mit einem verschwörerischen Grinsen, als wären wir uns im schummrigen Licht eines Bordells begegnet. Ich habe weder für die einen noch für die anderen brüderliche Gefühle, aber ich werde nicht gehen. Es hat schon immer solche gegeben, die gehen, und solche, die bleiben; ich gehöre zu den Letzteren. Durch die Musik habe ich bereits in allen Häfen der Welt angelegt. Diesen Traum von der großen Weite habe ich Brune, unserer Tochter, weitergegeben. Jedes Mal, wenn Du sie auf die Augenlider küsst, wirst Du sie daran erinnern, dass sie niemals ihren Blick beschmutzen darf, dass sie den Schatten hinter sich lassen muss. Immer. Der Schatten, das sind manchmal Freunde oder Liebschaften. Für sie wird er vielleicht ein Land sein. Wer weiß? Sollte sie je gehen wollen, lass sie bloß ziehen. Du wirst sie retten, wenn Du glaubst, sie zu verlieren. Sag allen, die mich beweinen, wie unendlich lieb sie mir sind. Stütze dich auf deinen Bruder Pierre. Er ist der Solideste, der Hellsichtigste von uns.

Ich liebe Deine Sanftheit, ich liebe Dein Schweigen. Nach all den Jahren koste ich immer noch mit demselben Appetit von Deinen Mahlzeiten und Deinem Körper. Das Bett wird sehr kalt sein, das Zimmer leer. Verzeih mir.

Denjenigen, die kommen, um Dich zu trösten, und die Dir sagen, dass sie den Mut und die Hoffnung verloren haben oder dass sie sich auf Gott verlassen, denen antworte, dass all dies passiert ist, weil sie sich unwissend gestellt haben und nicht sehen wollten. Gott dient ihnen nur als Wandschirm.

Ich möchte in der allerletzten Sekunde noch Brune singen hören. Diese blinden Reisen zur Schönheit, ohne Netz, ohne Geländer, tun uns so bitter not.

Dein Ehemann

Raymond

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