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Jenseits der See

Eine haitianische Familiensaga über 3 Generationen. Bleiben oder gehen, diese Frage variiert Louis-Philippe Dalembert in seinem »packenden aber alles andere als leichtverdaulichen Roman« (Gaby Mayr, SWR2) virtuos aus dem Blickwinkel der Hauptfiguren.
Platz 5 der litprom-Bestenliste Weltempfänger 2/2009.

Für mich ist Dalembert die literarische Entdeckung der letzten Jahre. […] Jenseits der See verlangt den Leser/innen einiges ab. Aber es lohnt sich!Gert Eisenbürger, ila


Leseprobe

Ich war noch mit dem Erwachsenwerden beschäftigt, als die Stadt begann, von den unaufhörlichen Hammerschlägen widerzuhallen, die dem Leben auf dieser Seite des Ozeans ihren Rhythmus aufprägen sollten, crescendo, wie eine Note, die etwas lauter gespielt wird, als der Rest der Melodie. Wahrscheinlich hatte alles lange vor diesem Abend begonnen. Wahrscheinlich hatte das Gehämmer eine lange Pause gemacht und setzte wieder ein, so wie die Wellen sich zurückziehen, um sich dann mit verstärkter Wut gegen den Rumpf eines zerbrechlichen Bootes zu werfen. Jedenfalls begann ich sie in diesem Moment zu hören. Ich erinnere mich noch genau an den trockenen, schüchternen Klang des ersten Schlages, dann der zweite, der dritte schon entschlossener … Ich war aus dem Bett gesprungen, war ans Fenster gegangen, das ich oft offen ließ, um die dem Schlaf förderliche Brise einzulassen, und hatte gehorcht. Das seltsame Getrommel hatte sich in der Nacht verstärkt und sich bis zum Morgen quälend durch sie hindurchgezogen. Seither war es nicht mehr verstummt und hatte sämtliche Geräusche ringsum übertönt: das Brummen der Autos, das Liebesgeheul, die Schreie der ausgehungerten Kinder, die wütend brennende Sonne, die gedämpften Schritte der Erinnerung …

Die Stadt gehörte damals dem Sohn des Mannes-der-für-tausend-Jahre-die-Macht-ergriffen-hatte. Die Bevölkerung hatte sich schließlich an den Gedanken gewöhnt, sah mit einem gewissen Wohlwollen zu, wie er mit seinem gutmütigen Gesicht im Hof des Palastes herumspazierte, und vergaß darüber die Terrorjahre, die die Herrschaft seines Vaters geprägt hatten. Freilich war er, nachdem seine eigene Herrschaft bei Karnevalsfeierlichkeiten besonders respektlos aufs Korn genommen worden war, im Fernsehen aufgetreten und hatte gebrüllt, er sei der Sohn eines Tigers und könnte bei Gelegenheit beweisen, dass er seine natürlichen Reflexe besaß, aber niemand hatte ihn ernst genommen. Die Bevölkerung hatte lediglich die Gelegenheit ausgenutzt, ihm den Namen Titig zu verleihen, einen der eher Zuneigung ausdrückenden Diminuitive, wie man sie in dieser Ecke der Welt häufig antrifft. In der Folge hatten die Stadtbewohner seine Hochzeit mit einer ehemaligen Stripteasetänzerin und die Geburt des jüngsten Mitglieds der Dynastie sogar mit Freudenfesten begangen. Und so hätte nur ein Seher von hohen Gnaden ahnen können, was folgen sollte.


Eigentlich hätte beim plötzlichen Verschwinden Marie-Claires, die alles, was mit Pickeln im Viertel herumlief, in die Wonnen des Fleisches eingeführt hatte, zumindest den Jüngsten etwas dämmern müssen, denen, die sie allein durch die Macht ihres Geschlechtsteils in Angst und Schrecken hielt. Aber wir lebten zu sehr in der Erinnerung an ihre Lektionen, um an etwas anderes zu denken. Nicht einmal an den rüden und eher frustrierenden Unterricht der um fünf Jahre Älteren. Wir mussten so tun, als verstünden wir, wenn sie nach Kriterien, die sich nur nach ihrer momentanen Laune richteten, einen von uns für einen Vor- oder Nachmittag ausgewählt hatte. Der Erwählte folgte ihr dann stolz und schäumend vor Ungeduld. Manchmal nahm sie sich noch am selben Tag einen anderen, der ebenfalls stolz davonstolzierte, aber sofort den Schwanz einzog, wenn sie ihn schräg ansah.

Wir kamen oft auf ihre Reize zu sprechen und wetteiferten verbal, wer ihr die größte Lust bereitet hatte. Die Wahrheit lag, wie wir alle wussten, eher in dem gleichmütigen Gesicht, mit dem sie am Fenster aufpasste, dass nicht unerwartet ein Störenfried auftauchte, während unser jugendliches Alter sich hinter ihrem gerade einmal bis zum Hintern hochgeschobenen Kleid auf der Suche nach jenem Schauer abmühte, der den Körper von den Zehen bis zu den Haaren durchläuft, den wir in Handarbeit herbeizuführen pflegten und der mit ihr immer schneller kam, als wir brauchten, um die Hose aufzuknöpfen, denn sie gestattete uns niemals, sie ganz auszuziehen. Dann musste man sich eilig wieder anziehen, während sie wie ein Wächter in lässiger Haltung regungslos vor uns stehen blieb, das Gesicht verzerrt von einer eigenartigen Grimasse, den Ellbogen aufs Fensterbrett gestützt. Ihre lückenlose Wachsamkeit hinderte im Übrigen ihre Schwester nicht daran, uns eines Vormittags mittendrin zu überraschen. »Das ist nicht wahr! So eine Unverschämtheit!«, zeterte sie. Ich konnte gerade noch die Hose hochziehen und aus dem Zimmer laufen, verfolgt von der Stimme der jungen Frau, die ihre jüngere Schwester zusammenschnauzte.

Nach diesem Missgeschick, das mich zum Gespött aller Freunde machte, hatte Marie-Claire sich von uns entfernt. Sie ging kaum aus dem Haus. Man sah sie nur zum Einkaufen gehen, bevor sie sich wieder in dem Zimmer einschloss, das sie mit ihrer älteren Schwester teilte. Ich spähte so lange durch dieselben Fensterläden nach ihr, durch die sie eventuelle Störenfriede im Auge zu behalten pflegte, bis ich sie eines Tages auf ihrem Bett liegen sah. Nackt wie am Tag ihrer Geburt. Ihr nackter Körper, den ich zum ersten Mal erblickte, erregte jedoch weniger meine Aufmerksamkeit als ihr Gesichtsausdruck: abwesend, aufgelöst. Vielleicht hatte man ihr eine Katastrophennachricht überbracht: den Tod ihrer Eltern oder das Ende der Welt in den nächsten vierundzwanzig Stunden, ohne dass sie den eigentlichen Sinn der Botschaft begreifen konnte, so wie die Heranwachsende, die nach einer überzeugenden Predigt des protestantischen Pastors über die nahe bevorstehende Rückkehr des Herren heimlich zu ebenjenem Herren betete, damit er seine Rückkehr noch so lange aufschob, bis auch sie von den Mysterien der Ehe gekostet hatte. Marie-Claire trällerte ein altes Lied, das die Familien in der Stadt von Generation zu Generation weitergaben, so dass am Ende niemand mehr Ursprung und Autor kannte. Das Lied tönte tief, während Tränen über ihr Mondgesicht liefen:


Weh, Wind, weh!
Meine Mutter fuhr zur See
Mein Vater fuhr zur See
Weh, Wind, weh!
Dass ich sie wiederseh.


Marie-Claire verschwand eines Morgens spurlos. Manche sagen, dass sie durch den Massakerfluss gewatet und in die Kleinstadt an seinem Ufer zurückgekehrt sei, aus der sie stammte. Andere behaupten, sie hätte eines der Boote bestiegen, die versuchten, die Ufer dort drüben zu erreichen, blinder Passagier eines Schicksals, in dem sie von Anfang an auf der Ersatzbank saß. Andere wiederum ließen das Gerücht umgehen, dass sie während einer Zeremonie gestorben sei, in der sie sich anschickte, Luzifer im Austausch für eine Stelle als Bordellwirtin und das damit verbundene Renommee ihre Seele zu verkaufen. Als der Teufel erschien, konnte sie trotz der Warnung des Zeremonienmeisters der Versuchung, ihm ins Gesicht zu sehen, nicht widerstehen. Sie öffnete die Augen und starb wie vom Blitz getroffen, noch bevor sie sie wieder schließen konnte. Was mich betrifft, so spukt mir nur eine Frage weiterhin im Kopf herum: Warum gab sie sich unerfahrenen vierzehn-, fünfzehnjährigen Jungen wie uns hin, obwohl sie genug Reize hatte, um weit reifere Männer zu verführen? Lange habe ich gehofft, ihr zu begegnen, irgendwo zufällig in den Straßen einer Stadt mit Millionen Anonymen, ich hätte sie eingeladen, in einem Hotelzimmer mit mir zu schlafen, an einem Strand, hinter Büschen, ich hätte sie für ihre Großzügigkeit geliebt und für die Heranwachsenden des Viertels, all jene, denen sie in der Schlucht ihrer Lenden die Hölle und das Paradies zugleich geschenkt hatte. Die Hoffnung hat mich noch nicht verlassen.


der wind ah der wind in den blutgetränkten segeln der wind der die augen von grund auf umwälzt die augen geheftet auf die oberfläche der finsternis und der krepierten träume die die meerestiefen alleinige bewahrer des absoluten in der welt nicht kennen ah der mit der stille der nacht und der gezwungen reisenden getränkte wind nie wird man erfahren welcher mittätermond oder welcher wind im focksegel sie gezwungen hat und ob es der arm der nacht war die morgendämmerung natürlich vergraben in ihrem licht die sich aber mit der einen hand zu dem bekannte was sie mit der anderen verwischte ah der wind aus dem binnenland der nichts von der bewegung und der existenz der wasser wusste und auch nicht dass seine wackerheit die erde drehte ah der wind der den wassern begegnete und die nacht wie einen langen lavastrom des elends schrieb der wind ah und seine arme mörgenröte und nacht mit denen er uns einem neuen land entgegenträgt der wind ohne jede erinnerung an ihre ungelenken erzählereien

Pressestimme Andrea Pollmeier

Der Horizont, die Linie, an der »Himmel und Erde zusammenkommen«, ist nicht selten Projektionsziel von Träumen und Hoffnungen; das ist weltweit so. Louis-Philippe Dalembert hat diese Empfindung zum Ausgangspunkt seines Romans Jenseits der See gemacht und seine Erzählung von genauen geographischen Koordinaten befreit. Weder Zeit noch Ort werden in diesem Roman, der doch eindeutig die Zeitgeschichte Haitis wiedergibt, beim Namen genannt.

Die indirekte Art, von einem und vielen Orten gleichzeitig zu erzählen, gibt dem Roman […] seinen überzeugenden und außergewöhnlich kraftvollen Ton. Auch die Erzählerin Grannie, die rückblickend ihren Lebensweg nachzeichnet, ist in dieses Konzept subtiler Verallgemeinerung eingebunden. Die klar denkende, dem Tod entgegengehende Großmutter übermittelt ganz im Sinne der in Haiti noch präsenten mündlichen Erzähltradition historische Erfahrung als erlebte Wahrheit und verbindet diese mit ihrer Lebensweisheit. Am eigenen Leib hat sie die Geschichte Haitis erlebt, die Narben von der Flucht zurück über den »Massakerfluss« trägt sie noch an ihrem Körper. […]

Die Sehnsucht in die Ferne, die zu Beginn geschildert wird, ist nicht nur ein Jugendtraum der Ich-Erzählerin. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch den aus vier Erzählebenen zusammengefügten Roman. […] In der Erzählpassage Die Stadt, die nun aus der Perspektive von Grannies Enkel Jonas geschildert wird, rücken die Ereignisse nah an die Gegenwart heran. Jonas erlebt hautnah die zunehmende Verrohung des Volkes. […]

Schritt für Schritt zeigt Dalembert, der in Paris Journalismus und Literatur studiert hat, wie sich Haiti innerhalb der Lebensphase einer Person verändert hat. Die Kontraste, die zu Beginn der Erzählung und zum Ende hin sichtbar werden, sind ein erschütterndes Zeugnis von der Zerstörung dieser Gesellschaft.


Auszug aus: Literaturnachrichten, Frühjahr 2009

Pressestimme Gert Eisenbürger

In Jenseits der See, dem zweiten Roman Dalemberts, geht es um Migration – gewaltsam erzwungene oder (vermeintlich) freiwillige. Seit im 16. Jahrhundert die ersten Schwarzen aus Westafrika deportiert und zur Zwangsarbeit auf die Insel Hispaniola verfrachtet wurden […], sind die Haitianer/innen ein Volk von Migrant/innen. […]

Im ersten und letzten der drei Oberkapitel von Jenseits der See erzählen die Großmutter Grannie und der Enkel Jonas die Geschichte ihrer Familie, etwa seit dem Jahr 1937. Damals entschied Grannies Vater, mit seiner Familie auf die andere Seite des Gebirges (in die Dominikanische Republik) zu gehen. Die elenden Arbeits- und Lebensbedingungen auf den Zuckerrohrplantagen des Nachbarlandes […] führen schnell zur Desillusionierung. Doch bevor sich die Familie Gedanken über die Zukunft machen kann, beginnen die Massaker. Wie Tausende andere fliehen sie Hals über Kopf in Richtung Haiti. […] Zurück in Haiti geht es ihnen zunächst ganz gut, doch im Laufe der Zeit wird die Duvalier-Diktatur immer unerträglicher. Immer mehr Leute verlassen das Land, obwohl die Ausreise ein gefährliches Unterfangen ist. […]. Das Weggehen so vieler zerreißt Familien und Beziehungen. Grannie verfolgt den Exodus ihrer Verwandten und Nachbarn voller Trauer. Jonas fällt in tiefe Verzweiflung, weil auch seine große Liebe Maité Haiti in Richtung USA verlässt. […]

Neben den Berichten der Großmutter Grannie und ihres Enkels Jonas hat das Buch noch zwei weitere Ebenen. Im vergleichsweise kurzen Mittelkapitel schildert ein Erzähler einen Tag im Leben des erwachsenen Jonas im Port-au-Prince der Jetztzeit, das von Gewalt und Verzweiflung geprägt ist. Zudem wird in Einschüben, die das gesamte Buch durchziehen, ohne Punkt und Komma die Überfahrt eines Sklavenschiffes von Afrika nach Saint Domingue geschildert, […]. Jenseits der See verlangt den Leser/innen einiges ab. Aber es lohnt sich! […]

Dalembert ist ein großartiger Erzähler, der seine Themen in packenden Geschichten verarbeitet. Er will die Leser/innen nicht schockieren, Gewaltdarstellungen, vor allem in Jenseits der See, sind kein Selbstzweck, sondern Ausdruck der brutalen Realität, mit der die Haitianer/innen konfrontiert sind. Für mich ist Dalembert die literarische Entdeckung der letzten Jahre. Ich empfand Jenseits der See als das stärkste der bislang übersetzten Bücher.


Auszug aus: ila, Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika e. V., Ausgabe 321, Dezember 2008/Januar 2009

Pressestimme Gaby Mayr

Moderatorin: Haben Sie schon einmal ein Buch aus Haiti gelesen? Wahrscheinlich nicht, oder doch? Haitianische Literatur gibt es in Deutschland kaum; nur ein kleiner Verlag kümmert sich intensiv um Literatur aus Haiti, und das ist der litradukt-Verlag aus Kehl. Er bringt seit einigen Jahren außergewöhnlich gute und auch außergewöhnlich gut übersetzte haitianische Bücher heraus, die meistens auf Französisch geschrieben wurden. Louis-Philippe Dalembert ist einer dieser Autoren, und von ihm liegt nun ein neuer Roman vor. Er heißt Jenseits der See, und davon handelt er auch. Von der ewigen Unruhe der Haitianer, die ja fast alle von afrikanischen Sklaven abstammen, und ihrer unstillbaren Sehnsucht nach einem Land hinter dem Wasser. Früher war das Afrika, heute sind es die USA. Dalembert erzählt zwei Geschichten. Die der Großmutter Grannie, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Port-au-Prince aufwächst, und die ihres Enkels Jonas. Und wenn man es genau nimmt, erzählt Dalembert sogar noch eine dritte Geschichte, denn fünfzehn Mal fügt er, sprachlich und grafisch abgesetzt, kurze Schilderungen aus den Bäuchen der Schiffe ein, in denen vor gut dreihundert Jahren Afrikaner wie Vieh in die Neue Welt geschafft wurden. Jenseits der See ist ein harter aber guter Roman, urteilt unsere Kritikerin Gaby Mayr.


Sprecherin: […] Haiti war das erste Land, das seine Unabhängigkeit nach einer Revolution von Sklavinnen und Sklaven erlangte, die aus Afrika in die Karibik verschleppt worden waren. Das war im Jahr 1804. Die Sklaverei spielt auch eine wichtige Rolle im Roman Jenseits der See des haitianischen Schriftstellers Louis-Philippe Dalembert: […]

Die in 15 kurze Stücke zerlegte Beschreibung eines Sklaventransportes über den Atlantik ist in die eigentliche Romanhandlung eingefügt. Es sind streng durchkomponierte Passagen, ohne Zeichensetzung, in Kleinschreibung, ohne dass die Menschen einen Namen oder ein Gesicht bekämen – eine Chronologie des Grauens. […]

Haitianische Literatur nimmt häufig Bezug auf die Sklaverei – das ist kaum überraschend, denn die meisten Bürgerinnen und Bürger des Landes sind Nachfahren von Sklaven. […] Die eigentliche Handlung des Romans Jenseits der See ist mehr als einhundert Jahre nach der erfolgreichen Revolution, also im 20. Jahrhundert angesiedelt. Der Atlantik spielt – wie beim Sklaventransport – eine wichtige Rolle. Denn Haiti liegt auf der Karibikinsel Hispaniola, wo Columbus einst landete. Tausende Kilometer Ozean trennen Haiti von Europa und Afrika. Zum amerikanischen Kontinent ist es dagegen nur ein Katzensprung. […]

Grannie, die Großmutter, hat Fernweh. Ein Fernweh, das sie schon als Mädchen kannte. Der Autor Louis-Philippe Dalembert folgt Grannies Leben durch die Jahrzehnte: Bei ihren Erinnerungen schimmert bisweilen Wehmut durch, Trauer über die vielen Menschen, die Haiti den Rücken gekehrt haben. Meist aber erscheint sie als tatkräftige Frau, der Schalk sitzt ihr im Nacken. Dalembert gelingt es allerdings nicht durchweg, die Großmutter glaubhaft zu zeichnen: Er vergisst schon mal, dass seine Protagonistin eine alte Frau ist und es nicht passt, wenn sie denkt und redet wie ein Kerl.

In einem kurzen Mittelteil begleitet der Autor ihren Enkel Jonas bei einem Gang durch die verrottete, Gewalt geladene Stadt. Mit enormer sprachlicher Intensität verleiht Louis-Philippe Dalembert dem Verfall und Ekel Ausdruck: […]

Im letzten Teil des Romans übernimmt Jonas die Rolle des Erzählers. Die Motive Abschied und Verfall, die wir schon von der Großmutter kennen, bekommen bei dem jungen Mann einen bittersüßen Klang, wenn er vom Aufblühen und dem Ende seiner ersten Liebe erzählt. Aber auch bei Jonas ist der Autor nicht konsequent bei der Gestaltung seiner Figur: Wenn der Junge über Ehefrauen und Mätressen sinniert, klingt das doch sehr nach einem allzu bekannten Motiv männlicher Schriftsteller aus dem südlichen Amerika. Unverändert bleibt bei Oma und Enkel der Blick aufs Meer – die Blickrichtung jedoch ändert sich: Man schaut nicht länger nach Afrika und Europa, sondern nach Nordamerika, wo viele Haitianer ihr Glück suchen.

Die lebensnahen Szenen aus dem haitianischen Alltag voller Armut und politischer Unterdrückung - die immer spürbar ist, ohne dass die Schergen der Macht jemals leibhaftig auftreten - mündet schließlich in eine apokalyptisch-fiktive Massenflucht von Hunderttausenden übers Meer Richtung Westen. Aber das Land der Träume lässt seine Truppen gegen die Habenichtse aufmarschieren: […]

Jonas’ Vorfahren kamen in Sklavenschiffen übers Meer, Jonas wird sein Geburtsland übers Meer verlassen. Haiti ist kein Ort zum Bleiben – daran lässt Louis-Philippe Dalembert in seinem packenden, aber alles andere als leicht verdaulichen Roman »Jenseits der See« keinen Zweifel.


Auszug aus: SWR2 Forum Buch, 17. Mai 2009
Louis-Philippe Dalembert: Jenseits der See

aus dem Französischen von
Peter Trier


145 Seiten

Softcover

Ladenpreis 12,90 Euro

zweite, überarbeitete Auflage, erschienen am 20. Mai 2014

isbn 978-3-940435-15-6

Autorenportrait L.-P. Dalembert