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Frankétienne

Eine Aufforderung zum Kampf

Es gibt eine Einheit zwischen meinem Schreiben und dem Inhalt des Buches. Ich habe keine Ästhetik des Chaos, ich bin Chaos, ich bin Babel. Frankétienne im Gespräch mit Catherine Fruchon-Toussaint, Radio France Info

Inhalt

Die Bürger des haitianischen Dorfes Bois-Neuf leben in völliger Unterwerfung unter den Magier Saintil, doch dann verliebt sich seine Tochter in Clodonis, einen der Zombies, die für ihn Sklavendienste verrichten müssen. Sie gibt ihm Salz und erweckt ihn so aus seiner Apathie. Auch die übrigen Zombies erhalten Salz und kommen wieder zu sich. Wird es ihnen im Bund mit den Dorfbewohnern gelingen, die Macht des Zauberers zu brechen?

Das Wiedererwachen der Zombies in dem zur Duvalier-Zeit entstandenen Roman wird zur Metapher für den Kampf gegen die Diktatur.

Ein Meilenstein der haitianischen Literatur, ein wilder Strudel, in dem sich Prosa, Poesie, Realismus und Traum zu einem schöpferischen Chaos vereinigen.

Autorenportrait

Frankétienne, geboren 1936 in Ravine-Sèche, gestorben 2025 in Port-au-Prince, war als Lyriker, Romancier, Dramatiker, Maler und Musiker ein Multitalent. Er gilt als Begründer der innovativen literarischen Bewegung des spiralisme. Der Father of Haitian Letters (The New York Times) wurde zur Legende, da er in der Duvalier-Zeit in Haiti ausharrte, ohne sich zu kompromittieren. Mit Dézafi veröffentlichte er 1975 den ersten Roman in kreolischer Sprache, der einen starken Einfluss ausübte und als Vorlage für diesen Roman diente, der 1979 auf Französisch erschien.

Leseprobe

Ein Gewirr von Baumästen ganz hinten in einem alten Hof, der nur selten von Menschenwesen aufgesucht wird. Eine Handvoll Salz beginnt, sich in einem Kessel mit kochendem Wasser aufzulösen. Einem kaputten Kessel, völlig zerbeult, geschwärzt von Rauchschichten. In einem Holzfeuer knistern unzählige Salzkörner. Ständiger Kampf zwischen Leben und Tod.

Schlafen in der Hoffnung, dass das Licht unsere nächtlichen Ängste trockenlegen wird. Fern von entfesselten Träumen aufwachen, der Körper von Einsamkeit überwuchert. Die Unermesslichkeit unerforschter Wüsten erschauen. Durch den Trödelladen der Begierden irren. Himmel und Erde in Bewegung setzen, bis die Sterne und Steine bluten. Sich mit Nahrung vollstopfen. Gierig lecken. Vorsichtig betasten. Auf die brennend heißen Stücke blasen. Fallen/Verfallen. Hals über Kopf fliehen. Tagelang hungern. Unaufhörlich sprechen. Unsinn reden. Die Zunge gefühllos oder in tausend Stücke zerschnitten haben. Satt sein. Die Eingeweide vor Schmerz verknotet haben. Höllischen Durst verspüren. Sich wie ein Pfau aufplustern. Sich übel gelaunt schlafen legen. Voller Begeisterung aufstehen. Aus vollem Halse lachen. Ganz nackt oder in Lumpen gehüllt gehen. Sich in verrückte Liebschaften verirren. In den Tod versinken. Aber wer unter uns lebt wirklich? Wirklich, wer?

Unendlich viele, unterschiedlichste Leute versinken bei vollem Bewusstsein in einem irren Traum. Es ist ein seltsamer, endloser Albtraum, bevölkert von Ungeziefer und Karnevalsfiguren. Agamans. Schlangen. Mabuyas. Skorpione. Giftspinnen. Tausendfüßler. Fresaies. Malfinis. Der rätselhafte Lasigoâve. Die erstaunliche Madame Bruno. Der schreckliche Charles Oscar. Und Spezialisten für Überraschungskisten mit ihren wunderlichen Marotten.

An der Wegkreuzung haben wir Mühe, unseren Weg zu finden. Zu allem Unglück hüllt uns die Nacht in eine teerige Finsternis und wir verirren uns auf vom Maldiocre verfinsterten Stegen. Manchmal drehen wir uns im Kreis um uns selbst. Wir gehen verstreut in gegensätzliche Richtungen zurück. Wohin gehen wir? Was ist das Ziel unserer Reise?

Wir käuen nutzlose Vorwürfe wieder, ohne etwas gegen die Trauersäher zu unternehmen. Oft reden wir mit uns selbst; uns unsere worte verlieren ihren Sinn in einer unsäglichen Zeit. Wer hört uns zu? Ver versucht uns zu verstehen? Anstatt uns zuzuhören, nennen sie uns verrückt, dann beeilen sie sich, uns zu knebeln. Karussell der Tage und Nächte. Marionetten und Wetterfahnen im Zirkus der Jahreszeiten. Wir verharren stumpfsinnig in einem Traum, der von bösen Geschöpfen vergiftet ist. Einem von Albträumen unterbrochenen Traum. Pfeifen des Windes. Blitze wie Messer. Gewittertheater. Wir bewegen uns ein wenig. Halb erwacht, öffnen wir ein Auge, in der Schwebe zwischen Erinnerung und Vergessen. Wir erinnern uns ein wenig. Aber die wesentlichen Sequenzen des Traums haben wir vergessen.

 

Ein Gewirr von Baumästen ganz hinten in einem alten Hof. Harte Erde, mit Adern aus Steinen und Sand gemasert. Vom Hunger eingeringelte/eingerollte Gedärme. Vor Schmerz zusammengeschnürte Eingeweide. Rita rackert sich jeden Tag mit der Hausarbeit ab, mit leerem Bauch. Eingeschlossen in seinem Haus wirft Gédéon unablässig mit Flüchen um sich. Mitten in der Nacht bohren sich markerschütternde Schreie durch unsere Trommelfelle und martern unsre Gehirne. Mit Angst im Bauch zucken wir bis in die Wurzeln zusammen. Elektrische Schauder. Die Haare stehen uns zu Berge. Mit einem Satz springen wir aus dem Bett.

 

Saintil macht es sich auf dem Sofa bequem. Unter dem Peristyl, zu seinen Füßen, kniet eine Herde Zombies. Zu seiner Rechten sitzt Sultana auf einem Strohstuhl. Zu seiner Linken steht Zofer, bewegungslos und gerade, eine Dressurpeitsche in der Hand. Drei Kerzen erleuchten den Poteau-Mitan. Plötzlich beginnt Saintil, einen Asson und ein Glöckchen zu schütteln.

»Sultana, meine Tochter! Das geheimnisvolle Wasser kocht im Hof der Grande-Brigitte* und duldet keinen Aufschub.«

»Ja, Papa.«

»Hör mir gut zu. Mitten in der Nacht werden sich die Nester auflösen. Der Wind wird die stimmlosen Vögel und die zierlichen Schmetterlinge wegblasen. Das Netz muss bereit sein für den Fang der verirrten Seelen.«

»Ja, Papa.«

»Du bist für die Küchenaufsicht und für das Nahrungsritual der Zombies verantwortlich. Vergiss niemals, dass es streng verboten ist, Salz zu verwenden. Vergiss das nie, mein Kind. Ein Zombie kann nur fliehen, wenn er Salz zu sich genommen hat.«

Pressestimmen

Litteratur.ch

Frankétiennes Roman ist brutal, aber faszinierend. Die Handlung scheint kaum voran zu kommen, bis dann der Stöpsel gezogen wird und alles plötzlich sehr schnell geht. Dazu kommt ein lyrischer Ton, der aber in Kontrast steht zum Wortschatz, der mit Fäkalsprache durchsetzt ist. Alles in allem vermittelt uns Frankétienne den Eindruck einem Naturschauspiel beizuwohnen, einer Naturkatastrophe gar. Sie ist unausweichlich, man sieht sie kommen – und sie erschreckt einen dann doch. Ein absolut empfehlenswerter Roman.

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