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Gary Victor

Erschütterungen

Inhalt

Inspektor Azémar ist entschlossener denn je, die Täter in einem Mordfall zu fassen, denn Mikayida, die Tochter seiner Freundin Mirlène, wurde getötet. Alles deutet auf ein satanistisches Ritual hin, dem noch mehrere andere junge Menschen zum Opfer gefallen sind. Dieuswalwe Azémar begibt sich auf eine atemlose Jagd durch ein in Gewalt und Korruption versinkendes Land und wird dabei gelegentlich selbst zum Gejagten, denn er hat sich genug Feinde gemacht. Für viele ist er inzwischen aber auch eine Legende, und wie er selbst sagt: „Wenn man schon mit einem Fuß im Sarg steht, fürchtet man den Tod nicht mehr.”

Der sechste Krimi um Inspektor Azémar ist Gary Victors erster Roman auf Kreolisch und die erste Übersetzung aus dem Kreolischen, die bei Litradukt erscheint.

Autorenportrait

Gary Victor, geboren 1958 in Port-au-Prince, studierter Agronom, gehört zu den meistgelesenen Gegenwartsautoren Haitis. Im deutschsprachigen Raum wurde er vor allem durch seine Kriminalromane bekannt. Seine Werke sind sowohl durch realistische Schilderungen sozialer Missstände als auch durch surrealistische Elemente gekennzeichnet. Er ist ein scharfer und unerschrockener Kritiker der Verhältnisse in seinem Land. Gary Victor wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet und war mehrfach auf der Krimibestenliste (DIE ZEIT, später DLF/F.A.S.) sowie auf der Litprom-Bestenliste Weltempfänger vertreten.

Leseprobe

Dieuswalwe Azémar, Inspektor der Police Nationale d’Haïti, fuhr sich mit dem Taschentuch über das Gesicht. Eine Mischung aus Schweiß und Staub blieb darin zurück. Der Inspektor riskierte es nicht, die dunkle Brille vor seinen schielenden Augen abzunehmen. Er wollte den Ort, an dem er sich befand, nicht deutlich sehen. Eine Straße voller Löcher und Risse, auf der Motorräder, Transporter und Lastwagen sich aneinander vorbeidrängten. Die Sonne versengte einem das Hirn, bereit, alles auf der Welt in Brand zu stecken.

Und überall Müll! Als wäre er das Einzige, was die Menschen im Land produzierten.

Der Inspektor holte zweimal Luft, bevor er auf die beiden Polizisten zuging, die vor dem größten Abfallhaufen auf ihn warteten. Er wusste bereits, welcher Anblick sich ihm bieten würde, aber er wollte es mit eigenen Augen sehen. Er hatte Mirlène nicht glauben können, als sie ihm am Telefon gesagt hatte, was passiert war. Mit kleinen Schritten trat er näher. Er befand sich in einem bösen Traum. Einem mörderischen kleren-Delirium . Er versetzte sich zwei Backpfeifen. Aber als er Mikayidas Leiche sah, gaben, obwohl er ein abgebrühter Polizist war, seine Knie beinah nach. Ein Mädchen von fünfzehn Jahren, das zu schnell groß geworden war! Ein Mädchen, das ihn Papa genannt hatte! Jedes Mal, wenn er zu Mirlène, Mikayidas Mutter, gekommen war, hatte er sich gefreut, sie zu sehen. […]

»Wie lange liegt die Leiche schon hier?«, fragte der Inspektor.

Einer der Polizisten antwortete: »Anscheinend seit vier Uhr morgens, Herr Inspektor. Zwei Zeugen haben gesehen, wie ein Jeep hier gehalten hat. Eine Tür ist aufgegangen, und sie haben die Leiche herausgeworfen. Sie haben geschossen, als sie gesehen haben, dass ein paar Leute zuschauten, und dann ist der Jeep mit Vollgas weggefahren.«

»Hat niemand das Kennzeichen gesehen?«

»Es war dunkel, Herr Inspektor.«

Zahlreiche Menschen näherten sich. Dieuswalwe befahl den Polizisten, ohne Gewalt dafür zu sorgen, dass die Menge zurücktrat.

»Haben Sie den Friedensrichter benachrichtigt?«

»Wir haben gewartet, bis Sie kommen, Herr Inspektor.«

»Benachrichtigen Sie ihn. Haben Sie einen Krankenwagen gerufen, damit er die Leiche mitnimmt?«

»Ja. Aber sie wussten schon Bescheid.«

»Wer hatte mit ihnen gesprochen?« »Das haben wir nicht gefragt, Herr Inspektor.«

Dieuswalwe schüttelte den Kopf. Bei manchen Polizisten fragte man sich, wie sie zu diesem Beruf gekommen waren. Was den Friedensrichter betraf, so würde er ohnehin nichts regeln. Der Inspektor bedeckte seine Nase wieder mit seinem verschwitzten und verstaubten Taschentuch. Der Müll stank so sehr, dass er fast in Ohnmacht fiel. Er streckte die Hand aus und berührte Mikayidas Handgelenk. Sie war noch nicht lange tot. Ihr Körper trug Spuren von Schlägen. An mehreren Stellen waren ihr mit einer Rasierklinge kleine Sterne in Oberschenkel und Gesicht geritzt worden. Mikayida war nur mit einem Slip und einem Oberteil bekleidet. So war sie nicht aus dem Haus gegangen. Dieuswalwe rief Doktor Michel an, den Gerichtsmediziner, der gewöhnlich mit ihm zusammenarbeitete.

»Michel! Komm bitte sofort zu mir. Ich habe hier eine Leiche, die du schnell untersuchen musst.«

Michel gähnte ins Telefon. »Dieuswalwe! Am Sonntag! So früh! Ich habe dir doch schon gesagt, dass dieses Land meine Dienste nicht benötigt.«

»Michel! Ich bin es, der dich bittet zu kommen. Ich erwarte dich.«

Der Inspektor erklärte dem Gerichtsmediziner, wo er war, und beendete das Gespräch. Er zog eine Flasche soro* aus der Tasche, um einen Schluck zu trinken. Ohne kleren würde er nicht durchhalten. Er erstickte schier vor Wut. Wohin war Mikayida gegangen, dass man sie unter solchen Umständen ermordet hatte? Er schwor sich, dass er den Verantwortlichen finden würde. Er würde ihn zwingen niederzuknien und ihm dann eine Kugel durch den Körper jagen. Nicht so, dass er schnell starb. Er sollte langsam sterben. Damit er merkte, wie das Leben ihn langsam verließ. Wenn es mehrere Täter gab, würde er sich alle schnappen. Der Krankenwagen kam.

Die zwei Polizisten sagten den Sanitätern, sie müssten warten, bis der Friedensrichter und der Gerichtsmediziner da waren. Der Inspektor fragte sie, wer sie gerufen hatte. »Die Polizei, Herr Inspektor«, antwortete der Fahrer.

Dieuswalwe wandte sich an die Polizisten:

»Wer hat Ihnen gesagt, dass hier eine Leiche liegt?«

Einer der Polizisten antwortete:

»Leute aus dem Viertel haben uns gerufen. Wir sind für diesen Bereich zuständig.«

Die Sanitäter wollten die Leiche rasch mitnehmen. Sie konnten nicht allzu lange bleiben. »Wir warten auf den Friedensrichter«, befahl Dieuswalwe.

Doktor Michel traf in diesem Moment mit seiner Tasche ein. Dieuswalwe zeigte ihm die Leiche. Der Inspektor schaute nicht hin. Er hatte nicht mehr den Mut dazu. Er wünschte sich weit weg. Weit weg von dem Albtraum, den er täglich erlebte. Ein Feuerstoß war zu hören. Nicht sehr weit entfernt. In der Gegend um die Kirche Notre Dame de Caridad. Die Gang aus Grande Ravine versuchte, das Gebiet unter ihre Kontrolle zu bringen, aber die Bevölkerung und einige Polizisten hatten sich zusammengeschlossen und leisteten Widerstand. Die Regierung schien sich ein weiteres Mal nicht darum zu kümmern, was vorging. Die Banditen waren zahlreich und schwer bewaffnet. Wie lange konnte der Widerstand sich behaupten? Das Land war einem Haufen schurkischer Politiker ausgeliefert! Viele von ihnen steckten mit den Gangs unter einer Decke. Die Polizei wäre in der Lage, das Bandenproblem zu lösen, wenn es einen politischen Willen dazu gäbe, aber die Parteien an der Macht schienen die Unordnung zu benötigen. Mittlerweile brauchten die Banditen aber niemanden mehr. Ihnen war klargeworden, wie stark sie waren. Dieuswalwe hatte sich ebenfalls gesagt, dass er ständig dem Tod vor die Schippe ging. Wegen der Banditen, die er zu Luzifer geschickt hatte – solche Mörder konnten nicht in das Haus des ewigen Vaters einziehen –, warteten die Gangs auf eine Gelegenheit, ihn zu erledigen. Auch in der Polizei war er bei vielen Hochgestellten nicht gut angeschrieben. Dieuswalwe Azémar war ein zu ehrlicher Polizist. Er hatte einen zu guten Ruf, obwohl jeder wusste, dass er ein Säufer war. Aber seine Arbeit, das wenige, was er tun konnte, machte er gut.

»Ich bringe die Leiche zu mir, in mein Labor«, sagte Doktor Michel. »Du kannst den Krankenwagen wegschicken.«

Dieuswalwe sprach mit den Sanitätern. Sie wandten ein, das sei nicht legal. Die Polizei hätte sie gerufen, damit sie die Leiche abholten und in die Leichenhalle brachten. Da sie insistierten und sogar laut wurden, richtete der Inspektor seine Waffe auf sie und befahl ihnen, schnell abzufahren. Sie riskierten keinen Widerstand, beschimpften ihn aber ausgiebig, obwohl er nach tafia roch und obendrein mit seinem Revolver auf sie zielte. Dieuswalwe seufzte. Wer hätte es zur Zeit der Diktatur gewagt, einen Polizisten zu beleidigen? Man wäre verhaftet worden, verschwunden oder im Gefängnis gelandet. Die Demokratie hatte anscheinend Anarchie gebracht. Mittlerweile wurde außer den Gangstern niemand mehr respektiert.

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