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James Noël

Pfauen stellt eine einfache und furchtbare Frage: Wie soll man weiter schreiben, singen und lieben, wenn alles zusammenbricht? strophe.fr

Inhalt

Mit Pfauen legt James Noël eine stimmgewaltige, dringliche und bedrängende Landkarte seines Heimatlandes vor. Wir werden mitgenommen auf einen farbenprächtigen und zugleich blutgetränkten Flug durch einen heute von Gangs regierten Inselstaat, der einst Modell modernen revolutionären Widerstands versklavter Menschen war, sich seine Unabhängigkeit indes bei der Kolonialmacht erkaufen musste.

In Pfauen pocht es; dieses Buch ist ein Radschlag, denn Noël weiß, weiterhin in der Übersetzung von Rike Bolte, poetischen Rat auch dort noch, wo es furchtbar finster ist.

 

Autorenportrait

James Noël, geboren 1978 in Hinche, Haiti, zählt zu den wichtigsten haitianischen Gegenwartslyrikern. Durch das kreolische Gedicht Bòn nouvel, vertont von Wooly Saint-Louis Jean wurde er schlagartig berühmt. 2018 erschien bei Litradukt unter dem Titel Die größte der Raubkatzen eine erste zweisprachige Gedichtauswahl. Für den Roman Was für ein Wunder erhielt er 2020 zusammen mit der Übersetzerin Rike Bolte den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt. 2025-2026 war James Noël Stipendiat des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Paons (Pfauen) wurde mit dem Prix Sirène Lapérouse und dem Prix Mallarmé ausgezeichnet.

Leseprobe

ICH BIN EIN MÄDCHEN AUS PORT-AU-PRINCE

 

Ich bin ein Mädchen aus Port-au-Prince

an dem vielleicht ein Junge verlorenging

in dieser von Kugeln tätowierten

in dieser von Banden zerfressenen

von Sternen-Totengräbern zersetzten Stadt

mit schnellem Schuss richten sie die Bescherung an

verzehren den anderen unter Gelächter

um die Zeit totzuschlagen

es gibt keine Grenze mehr

zwischen Tag und Nacht

keine Grenze mehr

zwischen dem Weiß und Schwarz eines Blicks

seht mir nach

dass ich grenzwertig bin

ich bin ein Mädchen aus Port-au-Prince

 

alle Wege

führen in die Sonnenfinsternis

es herrscht Blackout im männlichen Sonnenherz

Blackout im Eigelb

Blendung im grenzenlosen Blackout

ich bin ein Mädchen aus Port-au-Prince

an dem vielleicht ein Junge verlorenging

in diesem enthaupteten Land

wo die Schatten kopfüber tanzen

um den Traum der Kreisel

und die sieben Farben des vergossenen Bluts nachzuäffen

rechtsherum

und linksherum

 

es steht schlecht um den Horizont

die Totengräber reden von Zukunft

sie haben sturmfrei und freie Hand

seht mir nach

dass ich grenzwertig bin

ich bin ein Mädchen aus Port-au-Prince

 

 

 

ICH HABE MEINEN NAMEN AUSGELÖSCHT

Es lag mir am Herzen meinen Namen auszulöschen bevor ich

den Sand sah

Die Welle kam umsonst

Verpatzt das Treffen im Wellentosen

Wolfsfische schwimmen schweren Herzens

eine Gräte im Hals zwingt ihnen

Gesalzene Stille Gewürzstraße auf

Der böse Wind hat seinen Eifer eingefahren

Mit all seiner Wut auf das Alphabet

Und ich überflute unabmessbar die ganze Küste

Ich habe meinen Namen ausgelöscht

 

Es lag mir am Herzen meinen Namen auszulöschen bevor ich

das Licht der Welt erblickte

Ich habe mit alten Prinzen und großen Herren der Meere verkehrt

Sie wollten mich als Gefangenen der Unendlichkeit

Karabinerhaken einer rostigen Karavellenkette

Ich habe ihren Löffeln und ihrer Suche

nach Räuchersternen den Rücken gekehrt

Sie schrien Diebe, Vergewaltiger »Haltet den Hungerleider,

haltet ihn!«

Sie schrien Juden Araber Ausländer

Nomaden aus dem zweiten Bett der Flüsse mit Blut vom

Erden-Planet

Sie schrien Nichtsnutze schleicht euch

ihr Blindschleichen von der Elfenbeinküste

Ich habe nichts gehört als ich dem Meer gegenüberstand

Ich habe meinen Namen ausgelöscht

Text wurde vertont von Fidel Fourneyron

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